mittelmeer

   

 

An der östlichen Mittelmeerküste siedelte sich im 2. Jahrtausend v. Chr. ein Seefahrervolk an, das von Homer als „Phönizier“ 17 bezeichnet wurde. Die Phönizier selbst bezeichneten sich nach den Namen der Städte, aus denen sie kamen. Sie entwickelten ein dichtes Städtenetz entlang der Küste der Mittelmeeres, das einen blühenden Handel ermöglichte. Den Höhepunkt der Entwicklung erlebte Phönizien in den Jahren 1000–600 v. Chr. Nach der Belagerung von Tyros durch das Heer des babylonischen Königs Nebukadnezar II. im Jahr 573 v. Chr., wird ganz Phönizien etwa 40 Jahre später Teil des persischen Reiches. Die Städte werden nach und nach zerstört; nach dem Tod Alexander des Großen im Jahr 323 v. Chr. verliert Phönizien gänzlich an Bedeutung.Das Volk hat eine semitische Sprache gesprochen und entwickelte aus dem Protokaanäischen um 1100 v.Chr. ein Schriftsystem, das als Vorläufer des griechischen, hebräischen und arabischen Alphabets gesehen werden kann. Die Namen der 22 Zeichen tragen semitische Bezeichnungen. Diese (ab 800 v. Chr.) rechtsläufige Schrift, die nur Konsonanten und keine Vokale hatte, verbreitete sich im gesamten Mittelmeerraum. Wie und ob sich die Linearschrift A – die auf Kreta entstand und nicht-griechisch war – und das phönizische Alphabet gegenseitig beeinflusst haben, ist nach wie vor Gegenstand der Forschung. Die frühesten bekannten Inschriften des phönizischen Alphabets stammen aus Byblos und sind um das Jahr 1000 v. Chr. entstanden.

 

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Linearschrift B    

Einen Zwischenschritt zur Entstehung des griechischen Alphabets bildet die Linearschrift B. Sie gilt als die Silbenschrift der Mykener und wurde vom 15.–12. Jh. v. Chr. ausgehend von Knossos und Khania auf Kreta und dem griechischen Festland (Pylos, Chania, Mykene, Tiryns und Theben) verwendet.

Die Entzifferung dieser Schrift erfolgte spät. Erst im Jahr 1953 schrieb Michael Ventris – dem nach den Vorbereitungsarbeiten von Arthur Evans und später Alice Kober der Durchbruch gelang – seinem Griechisch-Lehrer: „leider nicht ganz das Griechisch, das Sie mir beibrachten! Mit besten Wünschen, Michael“. 18
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Die Entstehung des griechischen Alphabets kann aufgrund der vorhandenen Funde nicht auf ein bestimmtes Datum festgelegt werden. Einige Anhaltspunkte geben Spielraum für Spekulationen und Thesen:

  • die ältesten im alphabetischen Griechisch geschriebenen Inschriften stammen aus dem Jahr 730 v. Chr.;
  • es sind keine kaufmännischen Dokumente im 200-jährigen Zeitraum nach der Erfindung des Alphabets vorhanden;
  • als die Linearschrift B um 1200 v. Chr. verschwunden ist, haben die Griechen ihre Kenntnis des Schreibens verloren;
  • die Griechen kennen drei Schreibrichtungen: linksläufig, rechtsläufig und bustrophedonal, während die Phönizier seit dem 800 Jh. v. Chr. nur linksläufig schreiben – die Griechen haben möglicherweise eine frühe phönizische Schrift übernommen, bei der keine Schreibrichtung festgelegt war. Das würde die Entstehung des griechischen Alphabets in den Zeitraum 1100–800 v. Chr. ansiedeln.
   

Die Entwicklung der griechischen Sprache umfasst drei Epochen:

  1. Mykenisches Griechisch. 2. Jahrtausend v. Chr. Geschrieben wird ausschließlich mit der Silbenschrift Linear B. Das Ende der Epoche erfolgt um 1200 v. Chr. Danach besteht eine Lücke in der Schriftlichkeit bis ins 8. Jh. v. Chr. (Alphabetübernahme).
  2. Alphabetisches Griechisch der archaischen (bis 470 v. Chr.), klassischen (470–320 v. Chr.), hellenistischen (320–31 v. Chr.) Zeit und der Kaiserzeit (bis Byzanz). Das Alphabet wird von den Phöniziern übernommen und um einige Vokale ergänzt. Ab ca. 400 v. Chr. wird im gesamten griechischen Reich das ostionische Alphabet verwendet.
  3. Mittel- und Neugriechisch. Die heutige Schriftsprache heißt δημοτική ‚demotike‘.

Aus dem Ursemitischen entwickelten sich also im Lauf der Jahre die phönizische, die hebräische, die arabische und die aramäische Schrift. Später, irgendwann zwischen 1200–800 v. Chr., übernahmen die Griechen das Konsonantensystem der Phönizier. Der große Verdienst der Griechen war die Ergänzung des Alphabets mit Vokalen, die als gleichwertige Zeichen notiert wurden. Jene Zeichen des Semitischen, für die es keine Entsprechung im Griechischen gab, wurden zu Vokalen umfunktioniert. Bis zum Jahr 900 n. Chr. war das griechische Alphabet ein Majuskelalphabet.

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Griechenland expandiert ab etwa 800 v. Chr. im gesamten Mittelmeergebiet. Als Gründe dafür werden sowohl Rohstoff- und Nahrungsmittelknappheit als auch Gruppeneinflüsse und -kämpfe vermutet. Den Emigranten – unter der Leitung der Expeditionsspezialisten (οἰκιστής ‚Oikistes‘) – wurden Vorräte und Mittel für die Gründung einer neuen Kolonie zur Verfügung gestellt.

Die Griechen siedeln sich vorwiegend am unterem Rand der italienischen Halbinsel und auf Sizilien an. Die Kolonien und ihre Einwohner sind so zahlreich, dass dieses Gebiet die Bezeichnung „Magna Græcia“ (Μεγάλη ῾Ελλάς ‚Megale Hellas‘ = Großgriechenland) erhält. Die Griechen bringen auf die Halbinsel nicht nur ihr relativ neues Alphabet, sondern auch ihre fortgeschrittene Kultur (darunter die Werke Homers, die wahrscheinlich in den Jahren 850–750 v. Chr. enstanden sind).

Das archaisches Italien ist von verschiedenen Völkern besiedelt, von denen die Etrusker und Latiner am weitesten entwickelt waren. Die Schrift der Griechen, die die hebräischen Alphabetzeichen in ihr Zeichensystem übernommen haben, diente wiederum den Latinern – neben der etruskischen Schrift – bei der Formung der lateinischen Buchstaben. Die Zeichen G, J, U, W und Y wurden ursprünglich nicht benötigt. 19

Die Lateinische Sprache, die als Frühlatein von den Latinern seit dem 8 Jh. v. Chr. gesprochen wurde, entwickelte sich im Imperium Romanum zur Amtssprache (klassisches Latein). Zum Zeitpunkt der größten Ausdehnung des Römischen Reiches im Jahr 117 n. Chr. unter Kaiser Trajan ist Latein die Muttersprache der ansässigen Bevölkerung.

Die Zeichen des lateinischen Alphabets bestehen vorerst nur aus Großbuchstaben (Majuskelalphabet). Im antiken Rom entwickeln sich folgende Formen des „Abecedariums“:

  1. die Capitalis Monumentalis, meist in Stein gehauen; Die Buchstabenform geht von einem Quadrat aus; die Capitalis kennt weder Wortabstände, noch Silbentrennung. Aus diesem Alphabet entwickelte sich die uns bekannte Versalienschrift. Das bekannteste Beispiel für die Majuskelschrift ist die dorische Trajanssäule aus dem Jahr 113 v. Chr. Auch der Titusbogen aus dem Jahr 81 v. Chr. bietet eine gut erhaltene Capitalis Monumentalis.
  2. die Capitalis Quadrata leitet ihren Namen von der Form, aus der sich die Buchstaben bilden (Quadrat, Kreis, gleichseitiges Dreieck). Sie wurde für die Prachtbücher (Klassiker-Ausgaben) zwischen dem 1 und 6 Jh. n. Chr. verwendet. Vereinzelt findet man diesen Stil aber auch im 9. Jahrhundert. 
  3. die Capitalis Rustica, die „Bäuerliche“ (‚rusticus‘ = „ländlich, bäuerlich“), wurde für weniger prunkvolle Bücher vorwiegend zwischen dem 1. und 5. Jahrhundert n. Chr. verwendet. Sie war durch ihre schmale und kurvige Formgebung für die zügige Notation geeigneter als die Quadrata oder Monumenatlis. Aufgrund ihrer Verbreitung und Popularität in der Antike wird sie von der Paläografie gern auch als kanonisierte Capitalis bezeichnet.
  4. die ältere römische Kursiv ist der Vorläufer der Minuskel. In der paläografischen Entwicklung zeigt sie erstmals die Drei-Zonen (Ober- und Unterlängen), die später das Merkmal der Minuskel sein werden. Die Capitalis cursiva ist als alltägliche Gebrauchsschrift vorwiegend für Korrespondenz und Geschäftsbriefe zwischen dem 1 und 4 Jh. n. Chr. verwendet worden. Eine interessante Sammlung der römischen Tafeln zeigt das puceVindolanda-Projekt (antikes Römerlager in Vindolanda b. Newcastle / Norden Englands).
Imperium Romanum  

Die Herrschaft der Römer über die Völker des Mittelmeeres trug zur Verbreitung der lateinischen Sprache bei. Die Erhebung des christlichen Glaubens zur Staatsreligion des Imperiums (391 n. Chr.) und die spätere Missionierungstätigkeit der römischen Kirche waren Anlass für die Etablierung von Latein als universelle Sprache. Diese war jedoch abermals den herrschenden Schichten vorbehalten, während das einfache Volk sich der Landessprache bediente bzw. der Schreibkunst gar nicht mächtig war („biblia pauperum“ 20).

Die Verbreitung des römisch-katholischen Glaubens brachte auch die Verbreitung der Schrift mit sich – sei es in Form von Manuskripten der Bibel, von staatlichen Urkunden, von päpstlichen Bullen usw. In Gelehrtenkreisen errang Griechisch große Bedeutung. Die großen Theologen und Exegeten des Mittelalters bauten ihre Theorien nicht selten auf dem Gedankengut der griechischen Philosophie, Logik, Ethik etc. auf. Während die Gebildeten Lateinisch bzw. Griechisch sprachen und schrieben, war die Volkssprache die Sprache der „Heiden“.

Die Ausbreitung, der Einfluss und die Bekanntheit der semitischen Sprache in den ersten Jahrhunderten n. Chr. hing damit zusammen, dass die Christen die heiligen Schriften des Volkes Israel als das „Alte Testament“ in ihren Kanon aufgenommen hatten. Zahlreiche Übersetzungen dieser Schriften ins Griechische halfen, dass die Sprache nicht in Vergessenheit geriet. Bis heute existiert das s. g. Althebräisch, die Sprache der Bibel, neben dem modernen Hebrit.

Bedeutende Rolle spielt im Judentum der Talmud, die Diskussion der Mischna und Gemara. Der Talmud besteht aus der mündlichen Überlieferung und Auslegung der Zehn Gebote (die Moses auf dem Berg Sinai erhielt), aber auch aus der Sammlung von Gesetzen, Geschichten, Gleichnissen und Erzählungen pädagogisch-ethischen Charakters. Auch die Kabbalah, eine Richtung im jüdischen Mystizismus, erfreute sich in prädestinierten Kreisen großer Beliebtheit.

Die Teilung des Imperium Romanum in das westliche und östliche Reich (nach dem Tod des Kaisers Theodosius 395 n. Chr.) und der damit eingeleitete Zerfall des Kaisertums sowie die beginnenden Völkerwanderungen verwandeln Europa in einen „Rangierbahnhof“ der Sprachen, Dialekte und Alphabete. Europa befindet sich in der staatsbildenden Phase, die noch Jahrhunderte andauert …

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17 Φοίνιϰες ‚Phoinikes‘ = Purpurhändler; den Farbstoff haben die Phönizier aus der Purpurschnecke gewonnen – aus 12.000 Schnecken ließen sich 1,5 Gramm des Farbstoffes gewinnen; für ein Kilogramm Wolle wurden 200 Gramm Farbstoff benötigt, das sind drei Kilogramm Drüsensaft.

18 Nach: Robinson A., Die Geschichte der Schrift, Albatros Verlag, Düsseldorf: 2004, S. 119.

19 Der Konsolidierungsprozess des lateinischen Alphabets endet erst im lateinischen Mittelalter. Das Alphabet zählte danach 23 Buchstaben. Die Theologen sahen im kirchlichen Latein die Vollendung der beiden Testamente: des Alten (Hebräisch hat 22 Glyphen) und des Neuen (Griechisch hat 24 Glyphen). Im modernen lateinischen Alphabet sind die Zeichen J, U und W hinzugekommen.

20 ‚Biblia pauperum‘ = ‚Bibel der Armen‘ bezeichnet die Erzählungen der biblischen Geschichten in Bildern; die biblischen Motive finden sich auf zahlreichen Fresken, Bildern und Altären in den Kirchenräumen der ausgehenden Antike und des Mittelalters.

 


Der Einfluss des Semitischen auf die Bildung des phönizischen und griechischen Alphabetes:

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