Für das Funktionieren einer Kultur mit intaktem sozialen und kulturellen Umfeld ist die Schrift keine Voraussetzung, wie die Untersuchungen des Kleinvolkes Etoro in Papua-Neuguinea beweisen. Trotzdem werden diese Kulturen von Menschen der Literalität unüberlegt als „primitiv“ bezeichnet. Sie verfügen jedoch über ein ausgereiftes Symbolik-System, das als Vorgänger der Schrift angesehen werden kann.4
Während bei den aus dem Jungpaläolithikum (32.000–10.000 v. Chr.) stammenden Höhlenmalereien in Chauvet, Lascaux oder Altamira die Rede von Kunst 5 ist, handelt es sich bei den Petroglyphenfunden am östlichen Ufer des Onegasees (Russland), die aus dem Jahr 4.000 v. Chr. stammen, definitiv um Symbolisierung der Zeichen im hohen Grad der Abstraktion. Die Symbole geben nicht die Realität wieder, sondern sie übernehmen Funktionen: die Festlegung der Position der Sonne, der Sonnwendzeiten, der Jagd, der Riten, der Herdenwanderungen. Die Symbole sind Elemente der Landkarte, des Kalenders oder des Diariums: sie erzählen Geschichten über das Übersinnliche (die Mythen: Gut gegen Böse, „die Große Mutter“), die Gesellschaft und die Umwelt, die von den Eingeweihten (Schamane / Priester) interpretiert werden. Meiner Meinung nach handelt es sich hier um die „pre-writing“ Phase in der Entstehung der Schrift. Aus der gleichen Zeit stammen die Funde der s. g. „Vinča-Kultur“.
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Abb links.: |
Die Symbolik ist das Gemeinsame, das die Funde am Balkan
(Vinča, um 4.000 v. Chr. – Gradeshnitsa, 4.000 v.
Chr. – Tărtăria, 3.000 v. Chr.) mit jenen im
hellenischen Raum (Knossos) und Nordbabylonien (Jemdet
Nasr, um 3000 v. Chr.) verbindet. Diese Funde haben eher
mit dem Kultischen und Magischen als mit der Fixierung
der Sprache mittels Zeichen zu tun. 7

Vinča Symbol-Font
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by Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! of the Department of Slavic Languages and Literature at the University of Bucharest, Romania.
Mehr Information: Omniglot Website
Von Schriftsystemen im eigentlichen Sinn (Protoalphabet)
spricht die Wissenschaft in Zusammenhang mit den
Proto-Keilschriften der Sumerer, der Keilschrift der
Akkader, Assyrer und Babylonier, den Hieroglyphen der
Ägypter, mit dem Phönizischen (samt Hebräisch,
Aramäisch, Arabisch) und dem Griechischen (vgl.
Tabelle „Schriftsysteme der Welt und deren ungefähre
Entstehungszeit im Überblick“
in der Einleitung).

Als älteste Schrift
der Welt wird im Allgemeinen die Schrift der Sumerer
angenommen (3400–1800 v. Chr.).
Aus
dieser Proto-Keilschrift entwickelt sich die eigentliche
Keilschrift die (ausser der oben genannten) auch die
Eblaiter, Elamiter, Hethiter, Hurriter und Urartäer
adaptieren.
Nicht die geschichtliche bzw. religiöse Überlieferung oder Wissensweitergabe, sondern die Verwaltung und Wirtschaft sind die Hauptbeweggründe für die rasche Entwicklung dieser Schrift.
Die Sprache der Sumerer gilt als isoliert – sie ist mit keiner bekannten Sprache verwandt.
Nach dem Aussterben der Sumerer um die Zeitenwende verschwindet jede Kenntnis dieser Schrift; erst der Altorientalist Jules Oppert bezeichnet 1869 die entzifferten Keiltafeln, die nicht zu den drei bekannten Schriften (Akkadisch, Altpersisch und Elamisch) gehören, als „Sumerisch“. Zur Entzifferung der Keilschrift führt – nach den ersten Erfolgen des deutschen Lehrers Georg Grotenfelds – die s. g. Darius-Inschrift auf einem Felsen bei Behistun (Westiran), die von Sir Henry Rawlinson in den Jahren 1837–1847 erforscht worden ist.
Eines der berühmtesten Beispiele der babylonischen Keilschrift ist die Gesetzesstele („Codex Hammurabi“) des Königs (datiert auf 1792–1750 v. Chr.), die im Louvre Museum ausgestellt ist. Die Schreibrichtung ändert sich im Lauf der Geschichte von senkrecht zu waagerecht (von links nach rechts, auch in Spalten); die Zeichen werden im späten III. oder zu Beginn des II. Jahrtausends um 90°„gekippt“: sie liegen auf dem Rücken.
Die weitere Entfaltung und Verbreitung der Schrift wird durch den Handel beschleunigt. Es ist unumstritten, dass die Sumerer durch den Handel mit den Hethitern zur Verbreitung der Keilschrift in Anatolien beigetragen haben. Die Hethiter entwickeln eine eigene, neue Schrift, die jedoch mit der sumerisch-babylonischen Keilschrift nicht verwandt ist. 8

Die nächste
große Etappe in der Schriftentwicklung findet in
Ägypten statt. Hier entstehen zu Beginn des
dynastischen Reichs (um 3300 v. Chr.) die ersten
Hieroglyphen. Über den Ursprung und die Entstehung
dieser Schrift wird gerätselt. Das aus Wort-,
Deute- und Lautzeichen bestehende Zeichensystem taucht
nahezu vollentwickelt auf. „Ein zentral gelenkter,
das Königtum legitimierender und durch religiöse
Bezugssysteme transzendierender Hofstaat, in dessen
Mittelpunkt der König stand, bedurfte der Schrift
als ordnendes, vergegenwärtigendes und durch den
erinnernden Rückverweis legitimierendes Element der
Staatsbildung. Und rasch, wenn nicht sogar sofort war
die Struktur der vielleicht der Erfindung eines
einzelnen Schöpfungsaktes zu verdankenden Schrift
festgelegt und sollte sich in den nächsten
Jahrtausenden auch nicht mehr ändern.“
9
Neben den Hieroglyphen existierten auch hieratische und demotische Schriftformen. Die langherrschende Behauptung, das Hieratische wäre den Priestern, der Aristokratie und dem Hof vorbehalten, während die demotische Form dem Volk diene, ist falsch. Die hieratische Schrift existierte schon vor den Hieroglyphen, die demotische erst seit dem frühen VII Jahrhundert v. Chr.; das Volk war keinesfalls schriftkundig, wie der griechische – von Herodot gegebene – Name δῆμος „demos“ (gr. für ‚Volk‘) zu suggerieren versucht.
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Die Schreibrichtung der ägyptischen Schrift war ursprünglich vertikal in Kolumnen angeordnet, später grundsätzlich rechtsläufig. Es gibt jedoch ausreichend Beispiele, bei denen die Schrift von rechts nach links, bustrophedonal 11 oder vertikal verläuft. Symmetrie und Ästhetik waren meist die Gründe für die Schriftrichtung, die an der Blickrichtung der Symbole leicht erkennbar ist; manchmal war es der Respekt vor den Göttern oder der Anlass.
Das Geheimnisvolle der symbolhaften Zeichen veranlasste
viele 12 Gelehrte und Wissenschafter sich mit
der Sprache der alten Ägypter auseinanderzusetzen,
um sie zu entziffern. Doch erst dem Übersetzer
13 des Rosetta-Steins ist es zu verdanken,
dass die Hieroglyphen im Jahr 1822 durch François
Champollion für die Europäer so eindeutig
entschlüsselt worden sind. 14

Ägypten
wird als der Ursprung des semitischen
Konsonantenalphabets angesehen. Die Wadi el-Hôl
Inschriften, die westlich von Theben entdeckt worden
sind, werden auf das Ende des 3. Jahrtausends v. Chr.
datiert. Das Uralphabet ist von den Kanaanäern
(Zweig des Nordwestsemitischen) entwickelt worden. Sie
haben das in Ägypten parallel zu den Hieroglyphen
existierende quasi-alphabetische Schriftsystem zur
Wiedergabe von Fremdwörtern adaptiert, „indem
sie den Phonemen ihrer Sprache spezifische
Schriftzeichen zuordneten, um dann konsequent nur mit
solchen Einkonsonantenzeichen zu schreiben“ 15
Nach dem akrophonischen Prinzip wurden die ursemitischen Zeichen aus dem Fundus der ägyptischen Hieroglyphen abgeleitet. Die Vokale spielen in dieser Sprache eine andere Funktion, als bei den indoeuropäischen Sprachen – sie dienen lediglich der morphologischen Differenzierung der Wortformen.
Die Bedeutung einer Sprachwurzel ist dagegen allein in dem konsonantischen Gerüst, den Radikalen, grundgelegt. Semiten begnügten sich – wie die Ägypter – mit der Notierung des konsonantischen oder zentralen Gerüsts der Sprache und schufen auf diese Wiese das wohl einfachste Schriftsystem überhaupt, freilich zu dem Preis der manchmal fehlenden Eindeutigkeit. 16 Die Vokale in der Form von Punkten bzw. Strichen oberhalb bzw. unterhalb des Zeichenduktus wurden erst in der Mitte des 1. Jahrtausend n. Chr. in ganz bestimmten Textformen eingesetzt.
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