| Im Europa der Renaissance bilden
sich neue Berufsbilder: die des
Schriftschneiders und Schriftsetzers. Einige von
den Schneidern erlangen bis in die Zeiten des
digitalen Druckverfahrens so großes
Ansehen, dass die von ihnen gegossenen Alphabete
von den modernen Gießereien und Foundrys
neu gezeichnet, gegossen bzw. digitalisiert
worden sind: Jenson, Bembo, Garamond, Augereau,
Granjon, Caslon u. a.
Die Schriftschneider der beginnenden Renaissance versuchen für die Buchstaben eine Form zu finden, die bestmögliche Lesbarkeit gewährleisten soll. Einige bemühen sich bei der Erstellung der Cancellaresca die Handschrift der Schreibmeister nachzuahmen: so entstehen die Kursivschnitte. Mehr dazu im Artikel Die Idee der beweglichen Letter verbreitet sich schnell in ganz Europa. Auf der Suche nach einer neuen Schriftform werden jedoch nicht die deutschen gebrochenen Schriften herangezogen, sondern die antiken Vorlagen der Capitalis für die Majuskeln, sowie die karolingische Minuskel verwendet. Die neuen Schriften besitzen starke kalligrafische, humanistische Züge, die ganz dem Geist der Renaissance entsprechen. Es werden Schriftzeichen entworfen, die ihresgleichen hinsichtlich der Lesbarkeit und der Form bis in die heutige Zeit suchen. Da die ersten mit dieser Schrift gedruckten Ausgaben häufig auch antike Werke der griechischen und römischen Philosophen beinhalten, ist der Name der Schriften auch bald gefunden: antiqua (lat. ‚antiquus‘ = das Alte, aus dem Altertum stammend). Im Zentrum der Innovation liegt Venedig; hier
wirkt der Franzose Nicolas Jenson (1420–1480),
der für das im Jahr 1470 erscheinende
Buch „De evangelia praeparatione“
des Kirchenvaters Eusebius aus Cäsarea
einen eigenen Schriftschnitt entwirft: die
Jenson Antiqua, die durch den geneigten
Querstrich der e-Minuskel und die markanten
oberen M-Majuskel Abschlüsse die
charakteristischen Merkmale der
venezianischen Antiqua aufweist. |
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Die ständigen Kämpfe auf
der Halbinsel zwischen Spanien, Frankreich,
Österreich, der Schweiz und den einzelnen
italienischen Republiken stören die anfangs
so erfolgreiche Entwicklung des Druckwesens in
Italien. So verlagert sich das Zentrum der
Schriftentwicklung nach Frankreich. Hier wirken
u. a. Claude Garamont (1499–1561), Antoine
Augereau (1485–1534), Robert Granjon (1513–1589)
und Jean Jannon (1580–1658). Die Antiquas verbreiten sich mit der Idee des Protestantismus in den Niederlanden, der Schweiz und in England. Das Gedruckte kann zu einer Waffe im Propagandakrieg genutzt werden: das erkennen sowohl der König (Louis XIII. gründet in Louvre die „Manufacture royale d'imprimerie“ im Jahr 1640), wie auch die Kirche (s. die Machenschaften des Kardinal Richelieu rund um die Konfiszierung ganzer Schriftsätze berühmter protestantischer Drucker, Verleger, Schneider und Setzer). |
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Erwähnenswert ist in diesem
Zusammenhang, dass die Entwicklung der Schrift
in den deutschsprachigen Ländern
unterschiedlich zu den anderen Nationen verläuft.
Während die meisten Länder Westeuropas
aufgrund ihrer lateinischen Tradition
Antiqua-Schriften einsetzen, bleibt Deutschland
der gebrochenen Schrift – die den
Entwicklungsprozess von der Textura über
Schwabacher bis zur Fraktur durchläuft
– jahrhundertelang treu. Teilweise wird dieser Zustand durch die Reformationsbewegung (1517 Luther in Wittenberg, dann Melanchthon, Zwingli, Bucer, Calvin, Anglikaner), den Druck von Propagandaschriften 30, sowie durch die Verwendung der Landessprache in der Liturgie und in den Übersetzungen der Bibel in diese Sprachen, begünstigt. Die Antiqua wird als die Hausschrift des Erzfeindes – der katholischen Kirche – gesehen. Die Fraktur wird in den deutschsprachigen Ländern bis zum Ende des II. Weltkriegs vorwiegend als Gebrauchsschrift genutzt, die Antiqua dient lediglich den Auszeichnungszwecken. |
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Die Bücher der Barockzeit spiegeln mit den üppigen Formen und der ausufernden Ornamentik den Geist der gesamten Epoche wider. Nicht desto trotz – geprägt vor allem durch die französischen, niederländischen und englischen Schriftschneider – entstanden in dieser Zeit einige neue, qualitativ hochwertige Schriften. Zu den bedeutendsten Typographen der Barockzeit gehörten Philippe Grandjean (1666–1714), Johann Michael Fleischmann (1701–1768), Christoffel van Dyck (1605–1669), William Caslon (1692–1766) und John Baskerville (1706–1775). Durch die Verfeinerung der Radiertechnik der
Barock- und der Rokokozeit, sowie durch die
Einführung des Kupferstichs sind im
Klassizismus sehr kontrastreiche, von sehr dünnen
bis zu sehr dicken Linien geprägte
Schriften möglich. Sie sind nicht so
gut lesbar wie die Antiquaschriften und der
feine Strich (nicht besonders strapazfähig)
erlaubt nur den Druck von eher kleinen
Auflagen. Die klassizistischen Alphabete
zeigten eine gewisse „Eleganz, Präzision
und Souveränität der Formen”.
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Es findet auch ein Wechsel von der dynamisch-asymmetrischen zu der statisch-symmetrischen Form statt. Der sehr sparsame Einsatz der Ornamentik, der Ersatz der Initialen durch etwas größere Versalien der Brotschrift, der Blocksatz und die Mittelachse als Hauptformen des Layouts kennzeichnen die Drucksorten des Klassizismus. Die wichtigsten Typografen dieser Epoche: John Bell (1746-1831), Giambattista Bodoni (1740–1813), Pierre Simon Fournier (1712–1768), Familie Didot (Firmin Didot 1689–1757), Johann Friedrich Unger (1753–1804) und Justus Erich Walbaum (1768–1837) . |
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Auf die klaren Linien des Klassizismus folgte der exzessive Dekorationswahnsinn des Historismus. Diese Epoche „bediente sich der stilistischen Zitate und Verzierungen von der Antike über die Gotik bis zum Rokoko. (…) Dies alles geschah rein formal, weil die vorfabrizierten Verzierungen ohne jeglichen inhaltlichen Bezug verwendet wurden: in der Architektur sahen Fabriken aus wie griechische Tempel, im gedruckten Bereich sahen Briefbogen und Rechnungen aus wie Ankündigungen zum Ritterschlag, Geschäftsanzeigen wie Denkmale. Zeilen und Texte waren auf Mittelachse ausgerichtet in weitschweifigsten Schriftphantasien gesetzt. Es ist überraschend, dass die gestalterische Kultur des Historismus, die hundert Jahre lang bekämpft, bespöttelt und überwunden wurde, in modernisierter Form durch die neuen Techniken, in der DTP-Typografie (1990) und in der multistilistischen Typografie (1995) erneut aktuell ist. Der Stil war damals und ist heute ein ängstliches Aufbegehren des bewegten künstlerischen Individuums vor befürchteter normierter Enge.“ 32 |
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William Morris (1834–1896), einer der Gründer der „Arts and Crafts” Bewegung, sowie die meisten Kritiker und Typografen seiner Zeit waren sich einig, dass der Stil des Historismus den Verfall der Qualität bedeutet. Es sind in dieser Zeit jene Begriffe wie „Lesbarkeit der Schrift” oder „Geschlossenheit der Buchseite” wieder erfolgreich in die Praxis umgesetzt worden. Die Typografie orientiert sich wieder an den Vorbildern der Renaissance: die Golden Type der Kelmscott Press (1891) geht auf Nicolas Jenson zurück. Nicht nur das Schriftbild, sondern auch andere Elemente wie Ornamentik, Linie, Initialen, Illustration, Papier, Druck und Bindung werden bei der Produktion eines Druckwerkes berücksichtigt und abgestimmt. Das ausgehende XIX. Jahrhundert ist durch den Jugendstil gekennzeichnet. Geprägt ist diese Zeit durch die Sehnsucht nach Schönheit und Individualität, die abstrahierenden Formen finden ihre Vorbilder häufig in der Natur. Es wurden ganze Alphabete neu entworfen, die dem kompositorischen Ganzen untergeordnet worden sind. Die populärsten Medien für Druckbotschaften waren Zeitschrift und Plakat, die den Formenreichtum der Epoche oft prunkvoll darstellten. |
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Es wurde versucht, einige der Erfindungen und Entdeckungen des XIX. Jahrhunderts auch in der Drucktechnologie anzuwenden. Die Methode des Handsatzes ist seit Gutenberg (~1440) bis zum Einsatz der ersten mechanischen Setzmaschine Linotype 1886 von Ottmar Mergenthaler unverändert geblieben. In vielen Druckbetrieben wurde der Handsatz mit Bleilettern bis in die 50er Jahre des XX. Jahrhunderts immer noch angewandt. Die Linotype wurde mit großer Begeisterung in der Branche aufgenommen – um 1900 waren 6.000 Maschinen im Einsatz.34
„Die erste Ausführung, die ‚Blower
Linotype‘ wurde 1886 bei der Zeitung
‚New York Tribune‘ vorgeführt.
Mit dieser Maschine ließen sich ganze
Zeilen auf einmal gießen. Bei der auch
kurz als Blower bezeichneten Maschine wurden
Matrizenscheiben über ein Luftgebläse
zum Sammler geführt. Die Linotype wurde
im Lauf der Zeit immer weiterentwickelt und
verfeinert. So ließ sich Mergenthaler
seine Weiterentwicklung ‚Simplex‘
Anfang 1888 unter dem Namen Linotype
patentieren. Bei späteren Modellen
werden die in Magazinen aufbewahrten
Matrizen der einzelnen Drucktypen über
eine schreibmaschinenähnliche Tastatur
in der gewünschten Reihenfolge ausgelöst
und zum Sammler weitergeleitet. Die zu
Zeilen aneinander gereihten Matrizen
gelangen anschließend in den Gießapparat,
wo auch das Ausgleichen der Wortzwischenräume
für die gewünschte Zeilenbreite,
bzw. das Ausschließen, erfolgt. Nach
erfolgtem Guss und Ausstoß der
kompletten Zeile werden die Matrizen dann an
ihren jeweiligen Platz in den Magazinen zurückgeführt.“ 35 |
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Ein mechanisches Prinzip, jedoch nicht auf Zeilen, sondern auf Einzelbuchstaben basierend, entwickelte auch Tolbert Lanston zeitgleich zu Linotype. Er baute seit 1883 „… mehrere Maschinen, die zwar geringfügige Unterschiede in der Bauweise aufwiesen, im Prinzip jedoch alle nach den kodifizierten Anweisungen eines vorher erstellten Lochbandes arbeiteten. Die ersten kommerziellen Erfolgsmodelle
entstanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts
und bestanden aus einer Tastatur und einer
über Lochband gesteuerten Typengießvorrichtung.
Im Gegensatz zur Linotype erstellte die
Monotype einzelne Metallbuchstaben, wodurch
vielseitigere Anwendungsmöglichkeiten
gegeben waren. Die jeweils gewünschte
Gießform wurde durch einen gelochten
Papierstreifen in Gießposition
gebracht, der die gesamte Folge
erforderlicher Setzanweisungen enthielt.“
36 Bis zur Einführung des Photosatzes in den 1950er Jahren waren die zwei Systeme Linotype und Monotype marktführend. Die nächsten Entwicklungsstufen sind der Licht- und Computersatz und schließlich die Revolution des DTP-Zeitalters. Auch bei der Papierherstellung wurden die Errungenschaften der Industrie erfolgreich umgesetzt: anstatt der Wassermühlen und der Herstellung des handgeschöpften Papiers sind Papierfabriken errichtet worden, die das Vielfache des herkömmlichen Druckmaterials zu geringeren Kosten produzierten. Eine Änderung der verwendeten Rohstoffe und Techniken ließ die Kosten noch einmal sinken. Nicht nur auf der technologischen Seite fand ein Umbruch statt, die Industrialisierung stellte neue Anforderungen an die Typografie. Der Entwurf, die Gestaltung der Seite, der Satz und Druck des Werkes sollten durch einen industriellen Prozess in die Massenproduktion eingebunden werden. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Drucker jene Instanz, die den gesamten Verlauf überwacht und gegebenenfalls korrigiert hat. |
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29 Von Francesco Griffo – die „Bembo“ wird im Jahr 1929 von Stanley Morrison für Monotype neu gezeichnet und aufgelegt.
30 „Wie kommen wir Deutschen dortzu, das wir solche reuberey, schinderey unserer güter von dem babst leyden mussen? hat das kunigreich zu Franckreich sichs erweret, warumb lassen wir Deutschen uns alszo narren und effen?“ Aus der Schrift M. Luthers 1521: „An den Christlichenn Adel deutscher Nation von des Christlichenn standes besserung“.
31 „Klassizismus“ in: Typographie – wann wer wie. Friedl F., Ott N., Stein B. (Hrsg.), Könemann Verlagsgesellschaft mbH Köln: 1998, S. 63.
32 „Historismus“ in: Typographie – wann wer wie. Friedl F., Ott N., Stein B. (Hrsg.), Könemann Verlagsgesellschaft mbH Köln: 1998, SS. 60f.
33 aus: Friedl F., Ott N., Stein B. (Hrsg.), Typographie – wann wer wie, Könemann Verlagsgesellschaft mbH Köln: 1998, S. 56.
34 Vgl. Blackwell L., Schrift als Experiment. Typographie im 20. Jahrhundert. Birkhäuser – Verlag für Architektur Basel: 2004, S. 27.
35 Microsoft® Encarta® Enzyklopädie Professional 2003, ©1993-2002 Microsoft Corporation. DVD-Ausgabe, Artikel: Setzmaschine.
36 w. o.










v.
l. n .r.:




