Geschichte der Schrift

II. Phönizien, Griechenland und antikes Rom

   

mittelmeer

   

 

An der östlichen Mittelmeerküste siedelte sich im 2. Jahrtausend v. Chr. ein Seefahrervolk an, das von Homer als „Phönizier“ 17 bezeichnet wurde. Die Phönizier selbst bezeichneten sich nach den Namen der Städte, aus denen sie kamen. Sie entwickelten ein dichtes Städtenetz entlang der Küste der Mittelmeeres, das einen blühenden Handel ermöglichte. Den Höhepunkt der Entwicklung erlebte Phönizien in den Jahren 1000–600 v. Chr. Nach der Belagerung von Tyros durch das Heer des babylonischen Königs Nebukadnezar II. im Jahr 573 v. Chr., wird ganz Phönizien etwa 40 Jahre später Teil des persischen Reiches. Die Städte werden nach und nach zerstört; nach dem Tod Alexander des Großen im Jahr 323 v. Chr. verliert Phönizien gänzlich an Bedeutung.Das Volk hat eine semitische Sprache gesprochen und entwickelte aus dem Protokaanäischen um 1100 v.Chr. ein Schriftsystem, das als Vorläufer des griechischen, hebräischen und arabischen Alphabets gesehen werden kann. Die Namen der 22 Zeichen tragen semitische Bezeichnungen. Diese (ab 800 v. Chr.) rechtsläufige Schrift, die nur Konsonanten und keine Vokale hatte, verbreitete sich im gesamten Mittelmeerraum. Wie und ob sich die Linearschrift A – die auf Kreta entstand und nicht-griechisch war – und das phönizische Alphabet gegenseitig beeinflusst haben, ist nach wie vor Gegenstand der Forschung. Die frühesten bekannten Inschriften des phönizischen Alphabets stammen aus Byblos und sind um das Jahr 1000 v. Chr. entstanden.

 

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Linearschrift B    

Einen Zwischenschritt zur Entstehung des griechischen Alphabets bildet die Linearschrift B. Sie gilt als die Silbenschrift der Mykener und wurde vom 15.–12. Jh. v. Chr. ausgehend von Knossos und Khania auf Kreta und dem griechischen Festland (Pylos, Chania, Mykene, Tiryns und Theben) verwendet.

Die Entzifferung dieser Schrift erfolgte spät. Erst im Jahr 1953 schrieb Michael Ventris – dem nach den Vorbereitungsarbeiten von Arthur Evans und später Alice Kober der Durchbruch gelang – seinem Griechisch-Lehrer: „leider nicht ganz das Griechisch, das Sie mir beibrachten! Mit besten Wünschen, Michael“. 18
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Die Entstehung des griechischen Alphabets kann aufgrund der vorhandenen Funde nicht auf ein bestimmtes Datum festgelegt werden. Einige Anhaltspunkte geben Spielraum für Spekulationen und Thesen:

  • die ältesten im alphabetischen Griechisch geschriebenen Inschriften stammen aus dem Jahr 730 v. Chr.;
  • es sind keine kaufmännischen Dokumente im 200-jährigen Zeitraum nach der Erfindung des Alphabets vorhanden;
  • als die Linearschrift B um 1200 v. Chr. verschwunden ist, haben die Griechen ihre Kenntnis des Schreibens verloren;
  • die Griechen kennen drei Schreibrichtungen: linksläufig, rechtsläufig und bustrophedonal, während die Phönizier seit dem 800 Jh. v. Chr. nur linksläufig schreiben – die Griechen haben möglicherweise eine frühe phönizische Schrift übernommen, bei der keine Schreibrichtung festgelegt war. Das würde die Entstehung des griechischen Alphabets in den Zeitraum 1100–800 v. Chr. ansiedeln.
   

Die Entwicklung der griechischen Sprache umfasst drei Epochen:

  1. Mykenisches Griechisch. 2. Jahrtausend v. Chr. Geschrieben wird ausschließlich mit der Silbenschrift Linear B. Das Ende der Epoche erfolgt um 1200 v. Chr. Danach besteht eine Lücke in der Schriftlichkeit bis ins 8. Jh. v. Chr. (Alphabetübernahme).
  2. Alphabetisches Griechisch der archaischen (bis 470 v. Chr.), klassischen (470–320 v. Chr.), hellenistischen (320–31 v. Chr.) Zeit und der Kaiserzeit (bis Byzanz). Das Alphabet wird von den Phöniziern übernommen und um einige Vokale ergänzt. Ab ca. 400 v. Chr. wird im gesamten griechischen Reich das ostionische Alphabet verwendet.
  3. Mittel- und Neugriechisch. Die heutige Schriftsprache heißt δημοτική ‚demotike‘.

Aus dem Ursemitischen entwickelten sich also im Lauf der Jahre die phönizische, die hebräische, die arabische und die aramäische Schrift. Später, irgendwann zwischen 1200–800 v. Chr., übernahmen die Griechen das Konsonantensystem der Phönizier. Der große Verdienst der Griechen war die Ergänzung des Alphabets mit Vokalen, die als gleichwertige Zeichen notiert wurden. Jene Zeichen des Semitischen, für die es keine Entsprechung im Griechischen gab, wurden zu Vokalen umfunktioniert. Bis zum Jahr 900 n. Chr. war das griechische Alphabet ein Majuskelalphabet.

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Griechenland expandiert ab etwa 800 v. Chr. im gesamten Mittelmeergebiet. Als Gründe dafür werden sowohl Rohstoff- und Nahrungsmittelknappheit als auch Gruppeneinflüsse und -kämpfe vermutet. Den Emigranten – unter der Leitung der Expeditionsspezialisten (οἰκιστής ‚Oikistes‘) – wurden Vorräte und Mittel für die Gründung einer neuen Kolonie zur Verfügung gestellt.

Die Griechen siedeln sich vorwiegend am unterem Rand der italienischen Halbinsel und auf Sizilien an. Die Kolonien und ihre Einwohner sind so zahlreich, dass dieses Gebiet die Bezeichnung „Magna Græcia“ (Μεγάλη ῾Ελλάς ‚Megale Hellas‘ = Großgriechenland) erhält. Die Griechen bringen auf die Halbinsel nicht nur ihr relativ neues Alphabet, sondern auch ihre fortgeschrittene Kultur (darunter die Werke Homers, die wahrscheinlich in den Jahren 850–750 v. Chr. enstanden sind).

Das archaisches Italien ist von verschiedenen Völkern besiedelt, von denen die Etrusker und Latiner am weitesten entwickelt waren. Die Schrift der Griechen, die die hebräischen Alphabetzeichen in ihr Zeichensystem übernommen haben, diente wiederum den Latinern – neben der etruskischen Schrift – bei der Formung der lateinischen Buchstaben. Die Zeichen G, J, U, W und Y wurden ursprünglich nicht benötigt. 19

Die Lateinische Sprache, die als Frühlatein von den Latinern seit dem 8 Jh. v. Chr. gesprochen wurde, entwickelte sich im Imperium Romanum zur Amtssprache (klassisches Latein). Zum Zeitpunkt der größten Ausdehnung des Römischen Reiches im Jahr 117 n. Chr. unter Kaiser Trajan ist Latein die Muttersprache der ansässigen Bevölkerung.

Die Zeichen des lateinischen Alphabets bestehen vorerst nur aus Großbuchstaben (Majuskelalphabet). Im antiken Rom entwickeln sich folgende Formen des „Abecedariums“:

  1. die Capitalis Monumentalis, meist in Stein gehauen; Die Buchstabenform geht von einem Quadrat aus; die Capitalis kennt weder Wortabstände, noch Silbentrennung. Aus diesem Alphabet entwickelte sich die uns bekannte Versalienschrift. Das bekannteste Beispiel für die Majuskelschrift ist die dorische Trajanssäule aus dem Jahr 113 v. Chr. Auch der Titusbogen aus dem Jahr 81 v. Chr. bietet eine gut erhaltene Capitalis Monumentalis.
  2. die Capitalis Quadrata leitet ihren Namen von der Form, aus der sich die Buchstaben bilden (Quadrat, Kreis, gleichseitiges Dreieck). Sie wurde für die Prachtbücher (Klassiker-Ausgaben) zwischen dem 1 und 6 Jh. n. Chr. verwendet. Vereinzelt findet man diesen Stil aber auch im 9. Jahrhundert. 
  3. die Capitalis Rustica, die „Bäuerliche“ (‚rusticus‘ = „ländlich, bäuerlich“), wurde für weniger prunkvolle Bücher vorwiegend zwischen dem 1. und 5. Jahrhundert n. Chr. verwendet. Sie war durch ihre schmale und kurvige Formgebung für die zügige Notation geeigneter als die Quadrata oder Monumenatlis. Aufgrund ihrer Verbreitung und Popularität in der Antike wird sie von der Paläografie gern auch als kanonisierte Capitalis bezeichnet.
  4. die ältere römische Kursiv ist der Vorläufer der Minuskel. In der paläografischen Entwicklung zeigt sie erstmals die Drei-Zonen (Ober- und Unterlängen), die später das Merkmal der Minuskel sein werden. Die Capitalis cursiva ist als alltägliche Gebrauchsschrift vorwiegend für Korrespondenz und Geschäftsbriefe zwischen dem 1 und 4 Jh. n. Chr. verwendet worden. Eine interessante Sammlung der römischen Tafeln zeigt das puceVindolanda-Projekt (antikes Römerlager in Vindolanda b. Newcastle / Norden Englands).
Imperium Romanum  

Die Herrschaft der Römer über die Völker des Mittelmeeres trug zur Verbreitung der lateinischen Sprache bei. Die Erhebung des christlichen Glaubens zur Staatsreligion des Imperiums (391 n. Chr.) und die spätere Missionierungstätigkeit der römischen Kirche waren Anlass für die Etablierung von Latein als universelle Sprache. Diese war jedoch abermals den herrschenden Schichten vorbehalten, während das einfache Volk sich der Landessprache bediente bzw. der Schreibkunst gar nicht mächtig war („biblia pauperum“ 20).

Die Verbreitung des römisch-katholischen Glaubens brachte auch die Verbreitung der Schrift mit sich – sei es in Form von Manuskripten der Bibel, von staatlichen Urkunden, von päpstlichen Bullen usw. In Gelehrtenkreisen errang Griechisch große Bedeutung. Die großen Theologen und Exegeten des Mittelalters bauten ihre Theorien nicht selten auf dem Gedankengut der griechischen Philosophie, Logik, Ethik etc. auf. Während die Gebildeten Lateinisch bzw. Griechisch sprachen und schrieben, war die Volkssprache die Sprache der „Heiden“.

Die Ausbreitung, der Einfluss und die Bekanntheit der semitischen Sprache in den ersten Jahrhunderten n. Chr. hing damit zusammen, dass die Christen die heiligen Schriften des Volkes Israel als das „Alte Testament“ in ihren Kanon aufgenommen hatten. Zahlreiche Übersetzungen dieser Schriften ins Griechische halfen, dass die Sprache nicht in Vergessenheit geriet. Bis heute existiert das s. g. Althebräisch, die Sprache der Bibel, neben dem modernen Hebrit.

Bedeutende Rolle spielt im Judentum der Talmud, die Diskussion der Mischna und Gemara. Der Talmud besteht aus der mündlichen Überlieferung und Auslegung der Zehn Gebote (die Moses auf dem Berg Sinai erhielt), aber auch aus der Sammlung von Gesetzen, Geschichten, Gleichnissen und Erzählungen pädagogisch-ethischen Charakters. Auch die Kabbalah, eine Richtung im jüdischen Mystizismus, erfreute sich in prädestinierten Kreisen großer Beliebtheit.

Die Teilung des Imperium Romanum in das westliche und östliche Reich (nach dem Tod des Kaisers Theodosius 395 n. Chr.) und der damit eingeleitete Zerfall des Kaisertums sowie die beginnenden Völkerwanderungen verwandeln Europa in einen „Rangierbahnhof“ der Sprachen, Dialekte und Alphabete. Europa befindet sich in der staatsbildenden Phase, die noch Jahrhunderte andauert …

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17 Φοίνιϰες ‚Phoinikes‘ = Purpurhändler; den Farbstoff haben die Phönizier aus der Purpurschnecke gewonnen – aus 12.000 Schnecken ließen sich 1,5 Gramm des Farbstoffes gewinnen; für ein Kilogramm Wolle wurden 200 Gramm Farbstoff benötigt, das sind drei Kilogramm Drüsensaft.

18 Nach: Robinson A., Die Geschichte der Schrift, Albatros Verlag, Düsseldorf: 2004, S. 119.

19 Der Konsolidierungsprozess des lateinischen Alphabets endet erst im lateinischen Mittelalter. Das Alphabet zählte danach 23 Buchstaben. Die Theologen sahen im kirchlichen Latein die Vollendung der beiden Testamente: des Alten (Hebräisch hat 22 Glyphen) und des Neuen (Griechisch hat 24 Glyphen). Im modernen lateinischen Alphabet sind die Zeichen J, U und W hinzugekommen.

20 ‚Biblia pauperum‘ = ‚Bibel der Armen‘ bezeichnet die Erzählungen der biblischen Geschichten in Bildern; die biblischen Motive finden sich auf zahlreichen Fresken, Bildern und Altären in den Kirchenräumen der ausgehenden Antike und des Mittelalters.

 


Der Einfluss des Semitischen auf die Bildung des phönizischen und griechischen Alphabetes:

uralphabet

III. Mittelalter

voelkerwanderungk Unter Kaiser Trajan (um 117 n. Chr.) hat das Römische Imperium die Grenzen seiner Expansion erreicht. Gewiss haben die römischen Eroberungen die Errungenschaften der s. g. Zivilisation in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht in weiten Teilen Europas verbreitet, allerdings all zu oft auf Kosten der Freiheit der unterdrückten Völker.  Ab nun gilt es, das eigene Territorium entlang der „limites“ 21 gegen die Feinde von innen und von außen zu verteidigen.

Die Völker Europas, Asiens und Afrikas befinden sich seit dem II. Jh. n. Chr. zunehmend in Bewegung. Die moderne Forschung spricht eher vom Prozess der „Ethnogenese“ (im Sinne der Bildung der Rechtsgemeinschaft um den Traditionskern des Stammes), als von der Wanderung (im Sinne der Bewegung im geografischen Sinn). Die „gens“ (lat. gens, -es = Sippe, Volksstamm, Volk) sind die Keimzellen der späteren Staaten und Völker aber auch der Sprachen und Schriften.

Der mit der Reichsteilung im Jahr 395 n. Chr. eingeleitete Untergang des römischen Reiches verursachte eine Verlagerung der Machtverhältnisse in Europa. Die zunehmende Konkurrenz zwischen dem West- und Ostteil des Imperiums, sowie die Kämpfe mit den Goten, den Franken, den Vandalen, Alanen und Sueben führt schließlich zum Zusammenbruch des Weströmischen Reiches in den Jahren 476–480. 22

runenrunen Viele der handeltreibenden Sippen haben ihre eigene Sprachdialekte und verwenden Runen als Schrift. Nach den ersten sechs Buchstaben nennt man das Runenalphabet „futhark“. Die Schreibrichtung ist bustrophedonal (wie das Beispiel des „Sharthi-Steins“ in Schleswig – Abb. links – veranschaulicht), wobei auch die s. g. ‚Wenderungen‘ und ‚Sturzrunen‘ bekannt sind. Als Quelle für die Bildung des Runenalphabets wird allgemein das lateinische Alphabet angenommen. Im angelsächsischen England, das neben Skandinavien über die meisten Funde verfügt, wird das Alphabet häufig neben dem Lateinischen auf den Gegenständen benutzt. Die Runenschrift ist auch im Einflussbereich der Franken und der Goten verbreitet. Zur Zeit der normannischen Eroberung im Jahr 1066 hat sich dennoch die lateinische Schrift durchgesetzt und die Runen beinahe vollständig verdrängt.

Was die Deutung der Runen betrifft meinen einige Experten: „Wir können Runeninschriften zwar meist ‚lesen‘ – so wie wir etruskische Texte lesen können – aber ihre Bedeutung ist oft unklar, weil wir wenig über die frühgermanischen Sprachen wissen. Unter ‚Runen lesen‘ verstehen wir heute eine begründete Vermutung auf der Basis spärlicher und zweideutiger Hinweise. Ein Runenforscher meint, das erste Gesetz der Runodynamik laute: ‚Für jede Inschrift gibt es so viele Deutungen wie Gelehrte, die sich damit befassen.‘“ 23

runen

Futhark Runenschrift besteht aus 24 Glyphen. 24

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Der Untergang des römischen Reiches bewirkte eine Verlagerung der Machtverhältnisse in Europa. Viele germanisch-romanische Stämme gewinnen an Bedeutung und kämpfen um den territorialen, wirtschaftlichen, religiösen und kulturellen Einfluss: die Ostgoten in Pannonien und Italien, die Langobarden ebenfalls in Italien, die Westgoten in Spanien 25 und Frankreich, die Franken in Teilen Frankreichs und Deutschland und schließlich die Angelsachsen in England.

Als eine der mächtigsten Herrscherdynastien ging aus den kriegerischen Auseinandersetzungen der nachfolgenden Jahrhunderte jene der Karolinger hervor (ab 751: Pippin der Jüngere, dann ab 768: Karl der Große). Das riesige – sich über viele Sprachgebiete erstreckende – Reich musste auch geführt, verwaltet und organisiert werden.

„Die Notwendigkeit, Beschlüsse, Gesetze und Verlautbarungen für das gesamte Reich verständlich zu machen, führte zu einer gemeinsamen Schrift. Es entstand die karolingische Minuskel, die ihren formalen Ausgangspunkt in den altrömischen Schriften hatte. Es war eine aus Kleinbuchstaben bestehende Schrift, deren einzelne Buchstaben breit und rund gehalten waren.“

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Book of Kells

 

Als Sprache des karolingischen Reiches wird das am meisten gekannte und verbreitete Latein verwendet, als Verkehrsschrift dient bis in das XI. Jahrhundert die karolingische Minuskel. Diese Schrift wurde von Alkuin von York – der in Tours tätig war – im IX. Jahrhundert entwickelt. Die neugegründeten Klöster werden zu den kulturtragenden Zentren des Mittelalters und zum Ausgangspunkt der Bildungs- und Missionstätigkeit der Kirche.

Eine bedeutende Schrift dieser Zeit (Ende VIII/Anfang IX. Jh.) repräsentiert das weltberühmte „Book Of Kells“, ein im Trinity College Library in Dublin aufbewahrtes Evangeliar, das um den Kanon des Eusebius von Cäsarea erweitert wurde. Dieser aus 340 Folien bestehende Prachtband wurde in der s. g. Insularen Minuskel (auch Spitzschrift genannt) geschrieben.
Das alttestamentliche Buch Hiob

Abhängig von den Anwendungsgebieten entstanden im mittelalterlichen Europa die Urkundenschrift (z. B. Merowingische Urkundenminuskel, Cancellaresca, die Scriptura elongata der Königskanzlei, die Kuriale der päpstlichen Kanzlei usw.), die Universitätsschriften (z. B. Littera bononensis, Littera parisensis, Bastarda, Textualis, Rotunda) und Humanistenschriften (Humanistica antiqua). Textualis und Cursiva sind zwei Schriftarten, die besonders für die Erstellung von liturgischen Büchern, sowie Herrschern gewidmeten Werken verwendet wurden. Sie werden allgemein in die Kategorie der gotischen Schriften eingeordnet und erreichen im XIV/XV. Jahrhundert ihre Blütezeit.

Weiterführende Information über die Schriften des Mittelalters im Artikel puceMajuskel und Minuskel.
Dort im Detail über:

  • Unziale (IV. bis VIII. Jahrhundert n. Chr.) und Halbunziale
  • Gotische Majuskel (XIII. und XIV. Jahrhundert n. Chr.)
  • Karolingische Minuskel (um 780 bis XII. Jahrhundert)
  • Insulare Minuskel: vom VIII. bis ins XII. Jahrhundert im angelsächsisch-irischen Raum verbreitet
  • Westgotische Minuskel (spanische Minuskel)
  • Frühgotische (ab Ende XI. Jh. bis XIII. Jahrhundert), gotische (XIV. Jh.) und spätgotische (XVI. Jh.) Minuskel
Glagolica Für Europa ist die älteste Schrift der Slawen, das glagolitische Alphabet, erwähnenswert. Sie wurde von dem griechischen Missionar Konstantinos (später Kyrillos genannt) um 860 geschaffen. Diese Schrift behauptet sich bis heute in dem Einzugsgebiet der griechisch-orthodoxen Kirche (Russland, Serbien, Teile Kroatiens, Bulgarien). Das griechische Alphabet kann man nicht als Inspirationsquelle für die kyrillische Schrift bezeichnen. Kyrillisch ist eine Originalschrift, die eine Abzweigung der griechischen Majuskelschrift des IX. Jahrhunderts darstellt. 27

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Für die Entwicklung der Schrift ist die Erfindung des Buchdrucks durch Henne Gensfleisch (besser bekannt als Johannes Gutenberg, 1400–1468), der nach seinen Strassburger Jahren (1434–1444) ab 1448 wieder in Mainz arbeitet, von epochaler Bedeutung. Zwischen 1452–1455 druckt er seine 42-zeilige (lateinische) Bibel:

„Gedruckt wurde schon vor Gutenberg per Holzdruck. Hierbei wurde Papier auf den bearbeiteten und mit Farbe versehenen Holzstock gelegt und abgerieben – ein aufwendiges und langwieriges Verfahren. Grundgedanke der Erfindung Gutenbergs war die Zerlegung des Textes in alle Einzelelemente wie Klein- und Großbuchstaben, Satzzeichen, Ligaturen und Abkürzungen, wie sie aus der Tradition der mittelalterlichen Schreiber allgemein üblich waren. Diese Einzelelemente wurden als seitenverkehrte Lettern in beliebiger Anzahl gegossen, schließlich zu Wörtern, Zeilen und Seiten zusammengefügt.

Urform oder Prototyp für jeden Buchstaben war der Stempel. In die Stirnseite eines Stahlstifts wurde das Zeichen geschnitten, so dass sich ein seitenverkehrtes präzises Relief ergab. Nun wurde der jeweilige Stempel, die Patrize, in einen rechteckigen Block aus weicherem Metall, in der Regel wohl Kupfer, ‚abgeschlagen‘, d. h. senkrecht mit dem Schlag eines Hammers eingetieft. Die so erzeugte Matrize musste nachbearbeitet und begradigt werden, so dass ein rechtwinkliger Kubus mit geraden Seiten entstand. Das seitenrichtige Bild sollte eine einheitliche Tiefe haben, weshalb die Oberfläche mit einer Feile bearbeitet wurde. Um den Guss einer Letter zu bewerkstelligen, entwickelte Gutenberg das Handgießinstrument. Zwei Teile umschließen einen rechteckigen Gießkanal, dessen eines Ende durch Einsetzen der Matrize verschlossen wurde. Nach dem Guss der Lettern im Handgießinstrument musste der Angusszapfen entfernt werden.“ 28

gutenberg-typek Die neue Technologie, die einerseits erstmalig hohe Auflagen von schriftlichen Werken ermöglichte, andererseits auch propagandistischen Zielen diente, legte den Grundstein für die rasche Verbreitung des Geistes der Reformation und der Aufklärung. Die gutenbergsche Drucktechnik wurde in den folgenden 350 Jahren nicht wesentlich verändert.

Ab nun ist jeder Herrscher, Adelige bzw. Wohlhabende in der Lage, sein Gedankengut in schriftlicher Form der Welt zu unterbreiten.

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21    lat. limes, limites = Grenzwall, Schneise.

22    Das Byzantinische Reich übersteht diese Phase weitgehend unbeschadet – knapp 1000 Jahre später am 29. Mai 1453 mit dem Tod des Kaisers Konstantin des XI. endet die 2000-jährige Geschichte des Römischen Reiches.

23    „So liest man Runen“, in: Robinson A., Die Geschichte der Schrift, Albatros Verlag, Düsseldorf: 2004, S. 178.

24    Abbildung nach: „So liest man Runen“, in: Robinson A., Die Geschichte der Schrift, Albatros Verlag, Düsseldorf: 2004, S. 178.

25    Das Tolosanische Reich hat in weiterer Folge während der Reconquista in Spanien identitätsstiftende Funktion.

26    „Mittelalter und Romanik“ in: Typographie – wann wer wie. Friedl F., Ott N., Stein B. (Hrsg.), Könemann Verlagsgesellschaft mbH Köln: 1998, SS. 70f.

27    Mehr zu diesem Thema in: Haarmann H., „Die europäischen Alphabetschriften. Ihre Herkunft, Abhängigkeit und Verbreitung“, in: Der Turmbau zu Babel. Ursprung und Vielfalt von Sprache und Schrift. Band II: Sprache,  Seipel W. (Hrsg.), Kunsthistorisches Museum Wien, Skira editore Milano: 2003, SS 225–231.

28    Quelle: www.gutenberg.de.